Ein Kurzbericht von Dr. Britt Jenssen und Dr. Philipp Skora aus Köln

 

In der Zeit vom 30.08. bis 03.09.2021 haben wir als Volontäre im Flüchtlingslager Kara Tepe auf der Insel Lesbos in Griechenland gearbeitet. Hier sorgt die Nichtregierungsorganisation CMA (Crisis Management Association) neben anderen NROs für die medizinische Versorgung. Dieses wurde im Jahr 2020 als Ausweichlager für das durch einen Brand zerstörte Camp in Moria über Nacht errichtet. Als Zahnärzte durften wir eine Woche lang zusammen mit einem von der Organisation angestellten Zahnarzt die zahnmedizinische Versorgung im Camp sicherstellen.

Die Insel Lesbos ist eine beliebte Urlaubsinsel mit der idyllischen kleinen Hauptstadt Mytilene. In der heißen Mittagszeit bei 25-30 Grad und Sonnenschein befinden sich nur wenige Menschen auf den Straßen. Ab ca. 18 Uhr ändert sich das Bild langsam, wenn sich Touristen und später auch Einheimische auf den Weg in die Tavernen zum Abendessen machen, das oft bis spät in die Nacht geht. Fischrestaurants und
Ouzo-Läden, Cocktail-Bars und Dessert-Shops mit Baklava säumen das Ufer des kleinen Hafens, um den die Kleinstadt herum aufgebaut ist.
Das Flüchtlingscamp Kara Tepe, das ungefähr 3 Kilometer nördlich vor den Toren der Hauptstadt liegt, ist aus der Stadt selbst nicht sichtbar. Allerdings sieht man vereinzelt bettelnde obdachlose Menschen und Kinder ohne Eltern in der Stadt. Militärschiffe zur Grenzsicherung, die im Hafen ankern, stören die augenscheinliche Idylle.
Fast täglich überqueren immer noch geflüchtete Menschen die Seepassage von der Türkei her und kommen auf der Insel an, wo sie häufig im Flüchtlingscamp medizinische Versorgung benötigen. Oft werden die Neuankömmlinge vorerst isoliert und für 14 Tage quarantänisiert, bevor sie freien Zugang zum Camp erhalten.

Wir erhielten beim ersten Betreten des Camps einen organisierten Eindruck. Uns fielen dabei zuerst die vielen Sicherheitsmaßnahmen auf. Das Gelände war eingezäunt, es gab Einlasskontrollen und ein Mannschaftsbus der griechischen Polizei mit wartenden Einsatzkräften sowie ein Feuerwehrwagen standen dort bereit, wahrscheinlich als Reaktion auf den Brand in Moria.
Das medizinische Versorgungszentrum befand sich direkt hinter dem Eingang und bestand aus größeren haushohen Zelten, in denen sogenannte ISO-Boxen aufgestellt waren. Sie beinhalteten die medizinischen Räume der vielen Hilfsorganisationen vor Ort. Unter anderem gab es dort eine Abteilung für akute und eine für chronische Erkrankungen, eine Apotheke zur Ausgabe von Medikamenten und ein Testzentrum für COVID-19 Schnelltests.
Die ISO-Box für zahnärztliche Behandlungen mit zwei Dentaleinheiten befand sich ebenfalls auf dem medizinischen Gelände. Die technische Ausstattung war insgesamt sehr minimalistisch. Die Patienten wurden auf einfachen Untersuchungsliegen behandelt. Licht für die Behandlung gab es nur über Kopflampen. Ein ohrenbetäubender Kompressor lief im Nebenraum. Fließendes Wasser gab es nicht, gekühlt wurde über aufgezogene Spritzen. Die Motoren zum Antrieb der Hand- bzw. Winkelstücke liefen zwar normal, die Winkelstücke waren allerdings schlecht gewartet und die Zahnbohrer schlugen aus, gute rotierende Dentalinstrumente für den Zahnarzt also Mangelware. Das machte eine ordentliche Behandlung für Patient und Behandler sehr unangenehm und schwierig. Röntgen war trotz vorhandenem Gerät zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts nicht möglich, da keine Röntgenfolien vorhanden waren. Da die Ausstattung ausschließlich auf Spenden basierte, fehlte es zudem an Handschuhen, Desinfektionsmittel, Mund-Nasen-Bedeckungen und anderen Verbrauchsmaterialen, während andere Materialien wie z.B. Füllungsmaterialien im Überfluss vorhanden waren.
Trotz dieser Umstände wurden im 30-Minuten Takt die Patienten versorgt. Einfache Füllungen, Trepanationen als Beginn von Wurzelkanalbehandlungen, Extraktionen und Osteotomien gehörten zu den häufigsten Behandlungen. Nach ca. 6 Stunden in der schlecht klimatisierten Box waren die angemeldeten Patienten versorgt und es wurden gemeinschaftlich die verwendeten Instrumente gereinigt und für den Sterilisator vorbereitet. Pro Tag konnten ungefähr 20 Patienten behandelt werden. Insbesondere ist dabei noch zu erwähnen, dass ein Großteil der Organisatoren und Helfer wie Übersetzer und Assistenzen selbst engagierte Geflüchtete aus dem Camp gewesen sind.
Wir wurden übrigens auch manchmal nach ästhetischen oder kieferorthopädischen Behandlungen gefragt, die wir leider nicht anbieten konnten. Manche Patienten kamen auch mit dem Wunsch nach einer Zahnreinigung, dem wir, wenn es zeitlich möglich war, auch mal nachgekommen sind. Wichtig war insgesamt ausdrücklich, ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen im Camp aufzubauen und die Wünsche der Patienten miteinzubeziehen. Nicht immer genügten dabei die Behandlungen unbedingt dem medizinischen Standard bei uns in Deutschland. Die geflüchteten Menschen verbringen manchmal zwischen 6 Monate bis mehrere Jahre im Camp und haben wenig Hoffnung auf Asyl. Mit dem Angebot einer minimalen zahnärztlichen Versorgung können zumindest die schlimmsten Leiden behandelt und manchmal auch ein Lächeln auf das Gesicht der Patienten gezaubert werden.
Die Arbeit der Hilfsorganisationen im Camp ist extrem wichtig und stellt einen gelungenen Ansatz für eine notwendige und menschenwürdige medizinische Versorgung dar. Leider kann die Arbeit momentan nur durch Mithilfe und Spenden von Privatpersonen und Unternehmen finanziert werden.
Daher möchten wir uns ganz herzlich für die freundliche Unterstützung mit Sachspenden von BUSCH & CO. Dentalinstrumente bedanken, die unsere Arbeit vor Ort möglich gemacht haben.